Nachklang. Zu den Landschaften von Sibylle Prange

Düne trifft Meer, Ockertöne treffen auf Nuancen zwischen Blau und Grau, Meer trifft Himmel, einen großen Himmel. Weit spannt er sich über der Horizontlinie. Dieser Himmel hat nichts Gläsernes, auch nicht die Oberfläche des Wassers darunter; die Wolke hoch oben rechts im Bild spiegelt sich kaum darin. Insofern wirkt diese Ansicht von einem See- oder Meeresufer, die Sibylle Prange 2023 gemalt hat, wie ein Gegenstück zu jenem Gemälde, das der Brücke-Expressionist Erich Heckel 1913 schuf, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs: „Gläserner Tag - Badende im Meer)“, heute beheimatet in der Sammlung Moderne Kunst der Pinakothek der Moderne in München. Dabei haben die im Abstand von 110 Jahren gemalten Gemälde zwei Dinge gemeinsam: einen dominanten Komplementärkontrast Ocker-Orange zu Blau und eine paradiesische Stimmung, zu der bei Heckel auch der versonnen im Meer badende weibliche Akt beiträgt. Das Gemälde von Sibylle Prange trägt den Titel Arkadien. Das Wort bezeichnet eine Landschaft im Zentrum Griechenlands, aber auch eine poetische Provinz. Schon in der Antike galt die bergige Landschaft, spärlich bevölkert von wenigen Hirten, als eine Metapher für die ursprüngliche Einheit von Mensch und Natur, eine Harmonie, so idyllisch und unerreichbar wie der Garten Eden.

 

Das Gemälde „Arkadien“ ist ein großes Format. Vor diesem stehend, kann man gleichsam spüren, wie einen die dunstige Atmosphäre des Gemäldes umfängt. Tatsächlich ist der Dunst über dem ruhigen Wasser ein Bildelement, das nicht sofort auffällt, dann aber umso wirkungsvoller erscheint. Das Wort Dunst ist nicht eindeutig; es kann zum einen mit Feuchtigkeit geschwängerte Luftmassen bezeichnen, aber auch eine Ansammlung feinen Staubes in der Atmosphäre, wie wir es von Inversionswetterlagen kennen, stabilen Hochdruckgebieten, wenn die Winde zum Erliegen kommen. Im weiten, leicht getrübten Himmel von „Arkadien“ steht hoch oben ein Wölkchen; es steht mehr, als dass es zu schweben scheint. Das Weiß dieser zarten Wolke reflektiert die Ocker-Orange-Töne der Dünen am Ufer – ein überaus stiller Dialog. Wer die Uferzone genau in Augenschein nimmt, bemerkt eine menschliche Spur in dieser so menschenleeren Landschaftsvision: einen schmalen Steg, der vom rechten Bildrand aus ins Wasser führt, fragil auf ein paar Pfosten aufliegend. Über diesem Steg ist eine zarte Aufhellung der Wasseroberfläche sichtbar. Visuell eher angedeutet und malerische Spur als figürlich konkretisiert, erscheint sie wie ein Reflex auf die helle Wolke hoch oben – und ein weiteres Element des leisen, kaum in Erscheinung tretenden ‚Gesprächs‘ von Himmel, Wasser und Erde. Aber kann man dieser überaus präsenten Stille in dem Gemälde überhaupt mit einem Wort wie Gespräch kommen? Ist das adäquat? Durchaus, wenn wir ‚Gespräch‘ nicht konkret und nur menschenbezogen denken, sondern allgemeiner und metaphorisch als einen Prozess des Austauschens und der Wechselwirkung zwischen verschiedenen Elementen. Nur in diesem Sinne ist eine Bemerkung wie „stiller Dialog“ sinnvoll.

 

Still und weit, das ist dieses „Arkadien“ von Sibylle Prange vor allem, aber eben nicht ohne Leben. Die Elemente sind in ruhiger, gemäßigter Bewegung. Menschen haben in dieser Landschaft ein paar Spuren hinterlassen; doch sind diese, um einen medizinischen Begriff zu bemühen, minimalinvasiv. Sie verletzten das Gewebe der Natur kaum, scheinen auch temporär angelegt und reversibel zu sein. Als Betrachterin oder Betrachter schaut man auf eine Malerei, die eine weite Landschaft entwirft, deren lebendiger Zusammenhang intakt scheint. Ein romantisches Sehnsuchtsmotiv. Man selbst vor dem Bild kann in die Rolle von C. D. Friedrichs Mönch am Meer schlüpfen, an dieses Ufer treten, tief ein- und ausatmen und schauen: offene Weite, ein Zusammenhang von natürlichen Prozessen, scheinbar ohne Begrenzungen. Aber das stimmt natürlich nicht. Neben dem winzigen Steg rechts im Vordergrund gibt es eine weitere Spur des Menschen im Bild, eine menschliche Grenzsetzung: die Horizontlinie. Es gäbe keine ohne betrachtendes menschliches Subjekt. So ist diesem Bild auch eine Betrachtung der Grenzen unserer Erkenntnis immanent. Sibylle Prange hat ihr „Arkadien“ nicht als erkenntnisloses Paradies entworfen; wir Menschen mit unserem Bewusstsein sind als Sehende, neugierig Erkennende, die Elemente scheidende – also Unterschiede und Trennung setzende – aber eben auch als Sehnende indirekt anwesend: wünschend, die eigenen Konditionierungen zu überwinden, die Zurichtung der Welt für unsere Zwecke. Das sind einige Motive, die man aus einer gemalten Landschaft wie „Arkadien“ herauslesen – oder in sie hineinlesen – kann.

 

Der Titel „Arkadien“ ist eine starke Setzung, voller Kulturgeschichte und ausgestattet mit einer gehörigen Portion Sentiment, auch Melancholie, denn die Sichtweise der modernen Menschen darauf ist unweigerlich eine mit dem Beigeschmack des „Paradise lost“ (John Milton). Der Titel ist eine Ausnahme, andere scheinen nur sachlich zu benennen, was zu sehen ist, wie „Boote“, „Gelber Sprungturm“ oder „Tiny House“, selten findet sich eine geografische Bezeichnung wie „Sussex“. Weitere Titel setzen zusätzlich eine Stimmung: „Früher Morgen“ oder „Am Morgen“ und „Spätes Licht“. Man könnte diese Stimmung auch Atmosphäre nennen. Das eine Wort bezeichnet etwas Subjektives, Menschlich-Inneres, das andere etwas Äußerliches, Wetter eben, aber mit der Tendenz der Verwandlung in etwas Innerliches. Tatsächlich haben all diese Arbeiten etwas gemeinsam: Es finden sich hier, bezogen auf uns menschliche Subjekte – letztlich geht es immer um uns und unser Sein – äußere Motive, also sensualistisch erfahrbare landschaftliche und lichte, farbige Räume, farbige Erscheinungen des Himmels, des Wassers und der Erde, die unser Inneres, Subjektives berühren, etwas zum Klingen bringen. Umgekehrt scheinen innere, subjektive Stimmungen nach außen getragen zu werden, in diese Visionen von Landschaft hinein – atmosphärisch sich weitende und klingende Räume, Stimmungen wie Sehnsucht oder Melancholie

 

Klang ist, wie jedes Geräusch, zuerst ein Resonanzphänomen, dann aber, musikalisch kultiviert, auch ein akustisch-ästhetisches Ereignis. Das Besondere an den farblich und atmosphärisch zugleich lichten wie auch ästhetisch verdichteten Landschaftsmalereien von Sibylle Prange ist ihre offensichtliche Stille, die einen Klang hat, einen Nachklang.

 

Diese synästhetische Wirkung resultiert meines Erachtens aus der räumlichen Struktur und der farbigen Erscheinung der Bilder. Zur Charakterisierung ihrer räumlichen Eigenart scheint mir ein Attribut menschlicher Aktivität hilfreich: ausgeräumt. In diesen Kompositionen war Aktion und Verdichtung, hier fand etwas statt. Darauf deuten Wege und Straßen hin, Behausungen, Stege und Sprungtürme. Doch scheinen die menschlichen Aktionen nur vorübergehender Art gewesen zu sein, wurde ihre Kultur – bis auf kleine Reste – ausgeräumt, so dass sich der landschaftliche Raum nun (wieder) weitet. Die farbige Erscheinung der Malereien ist zwar sensualistisch inspiriert, das heißt, sie dockt an unsere konkreten Seherfahrungen an, doch scheint ihre Farbigkeit ohne direkte natürliche Lichteinstrahlung auszukommen, ohne Schlagschatten, ganz so, als wäre die Sonne morgens noch hinterm Horizont verborgen oder abends, nach ihrem Untergang, gerade hinter ihm verschwunden. Darauf verweisen auch Titel wie „Früher Morgen“ oder „Am Morgen“ und „Spätes Licht“. Das reduzierte, doch weit streuende Licht dieser besonderen Tagesabschnitte führt zu einer Intensivierung der Farbigkeit in der Atmosphäre. Wir haben das als „Naturschauspiel“ wohl alle schon einmal erlebt und als erhaben und schön empfunden. Das natürliche Licht ohne Schlagschatten, erfahrbar auch bei wolkenbedecktem Himmel, welches dennoch eine reiche Palette an farbigen Valeurs hervorbringt, ist eine Besonderheit der Landschaftsmalerei von Sibylle Prange

 

Dass Farben für uns – in einem synästhetischen Sinne – klingen können, haben wir spätestens seit unserer Rezeption der europäischen neoimpressionistischen Malerei kollektiv erlernt. Auch haben einige Maler dieser Zeit das Phänomen ausführlich beschrieben. Mit Wassily Kandinskys „Impressionen“ ab 1911, die er zum Teil auch mit dem Wort „Konzert“ versah, wurde zur Selbstverständlichkeit, was eigentlich ein Paradoxon ist: dass für uns (und in uns) Farben Klänge erzeugen können. Kandinsky hat in diesem Sinne dynamisch auftrumpfende, starkfarbige und kontrastreiche Sinfonien beziehungsweise sinfonische Sätze komponiert – oder Farbengewitter, um das Ganze in eine durchaus gängige meteorologische Metapher zu kleiden. Es scheint Farbenkompositionen in den Tonarten Moll und Dur zu geben, auch gemalte polyphone Farbakkorde, kontrastierende Farben und entsprechende Klänge sowie Kompositionen aus einander verwandten Farben, sogenannten Farbfamilien, die Gleichklänge erzeugen, laute und leise Farben/ Töne, schnelle und langsame Rhythmen. Gemalte Märsche versus gemalte Kammermusik, welche die leisen Töne, die Balancen und feinen Nuancen zwischen ihnen kultiviert – hergestellt mit Hand, Pinsel und Pigmenten. Von letzterer Art sind die Landschaften, die Sibylle Prange komponiert – auch auf der Basis monochromer Imprimaturen, z. B. einer Grundierung in Rot wie bei „Terra“ und „Rotes Licht“. In ihnen lotet die Künstlerin Farbverwandtschaften aus, sie sind also tendenziell kontrastarm gehalten, tonal und farbig fein nuanciert, und wirken zugleich reich an polyphonen Harmonien, vergleichbar dem Auftakt der „Alpensinfonie“ von Richard Strauss – bezeichnet als Nacht und Sonnenaufgang – und ihrem Schluss – bezeichnet als Ausklang und Nacht. Im Kontext dieser synästhetischen Vergleiche erscheinen mir die Landschaften von Sibylle Prange wie Nachklänge – malerischer Ausdruck der zur Stille tendierende Zeitspanne nach dem Verklingen des letzten Tons.

 

Dieses Verklingende in Farbe und Form ist nicht nur melancholisch zu interpretieren, sondern auch als ein Erweitern und Raumgeben, als ein Ausströmen wie beim Atmen. In diesem Sinne befördern die Landschaften eine existenzielle Dimension, die sie auf den Menschen zurückbezieht. In diesem Zusammenhang hat der Philosoph Martin Heidegger den Begriff des Geworfen-Seins geprägt: Wir Menschen fühlen uns hineingeworfen in diese Welt. Sie ist, auch wenn das manchem anders erscheinen mag, nicht freundlich auf die menschliche Spezies hin ausgerichtet und evolutionär geworden, was sie heute ist. Und sie ist steter Veränderung unterworfen, vergänglich wie wir auch. Eine Landschaft, die synästhetisch zur Stille tendiert, die wie das Verklingen nach dem letzten Ton eines musikalischen Stückes wirkt, lässt sich kaum anders lesen, denn als visueller Ausdruck von Melancholie. Aber vielleicht nicht nur. Der Thüringer Theologe und Philosoph Eckhart von Hochheim, bekannt als Meister Eckhart, hat in seinen Schriften zahlreiche Begriffe aus gelehrten lateinischen Disputen in die deutschen Dialekte seiner Zeit übersetzt, auch ins Mittelhochdeutsche. So gelangte unter anderem das Wort Gelassenheit in den deutschen Wortschatz. Gelassenheit – nicht als Eigenschaft der Psyche, sondern als Vorgang, Aktion, Handlung: als gelassenes Sein, als Loslassen-Können – eine ethische Maxime, die in Zeiten der Überproduktion und Überkonsumtion, also hier und jetzt, wieder an Bedeutung gewinnt. Auf der Basis dieses wirkmächtigen Begriffs haben Ethiker wie Erich Fromm ihre Leitfäden für eine „Kunst des Lebens“ entworfen: vom Haben zum Sein.


Nun sind gemalte Landschaften keine philosophischen Essays, sondern zuvorderst farbige und malerische Ereignisse. Darüber hinaus sind die Landschaften von Sibylle Prange keine kunstfertigen Zitate aus unserem Repertoire sensualistischer Weltzugänge; sie vermitteln uns Betrachtern nicht den Eindruck, vor oder mitten in einer konkreten Landschaft zu stehen, auch wenn sie Himmel und Licht, Erde und Wasser evozieren. Vielmehr können wir sie als ästhetisch autonome Kompositionen verstehen, die Räume öffnen, äußerlich wie innerlich, und zugleich eine subtile wie stofflich-reiche Farbigkeit erzeugen, welche aus werdendem Licht, aus Zwielicht und Restlicht entsteht, Kompositionen, die malerische Harmonien im Gleichklang erzeugen und zu einem Nachklang führen. Als Landschaften, die zu großer Offenheit ebenso wie zur Stille tendieren, laden sie ihre Betrachter ein, sich dem Gelassen-Sein, dem eigenen Loslassen als einem Aspekt gelingenden Lebens, zuzuwenden.

KAI-UWE SCHIERZ, 2024